Unser Statement

Wir hinterfragen uns selbst.

Gedanken zu Rassismus und Entwicklungszusammenarbeit.

Aufgrund der aktuellen Diskussion um Rassismus, haben auch wir als Vorstandvorsitzende des gemeinnützigen Vereins WATOYO Tanzania e.V mit dem Ziel der Förderung der Entwicklungszusammenarbeit, uns Gedanken darüber gemacht und möchten euch gerne an unseren Überlegungen teilhaben lassen. Zu betonen ist allerdings, dass wir keinen Anspruch auf Richtigkeit oder Allgemeingültigkeit erheben. Vielmehr sind wir jederzeit zu Kritik und Anregungen offen.

Wir als Verein stehen ein für eine Welt ohne Armut, Ungerechtigkeiten und gleichen Chancen für alle. Uns als Vereinsvorsitzende war allerdings schon bei Vereinsgründung bewusst, dass Entwicklungszusammenarbeit umstritten ist, indem sie oft Machtstrukturen reproduziert. Gerade da sie auf einer langen Geschichte von Machtunterdrückung und Gewalt beruht, welche Länder wie Tansania erst in eine Abhängigkeit gebracht hat. Und schon allein die Tatsache, dass wir als Geldgebende in Ländern des globalen Nordens sind und die Empfänger der Unterstützung sich in Tansania einem Land des globalen Südens befinden, spiegelt diese Machtungleichheit wider.

Unser Handeln befindet sich seit der Gründung des Vereins immer in einem Prozess, zu welchem auch ein stetiges Hinterfragen von Strukturen und unserer Arbeit gehört: Inwieweit ist es immer sinnvoll zu denken, dass sich ein Land wie Tansania an die Strukturen von Europa anpassen muss? Und ist dafür unbedingt Geld aus Deutschland nötig? Inwieweit erzeugen wir als Geldgebende Abhängigkeiten? Und reproduzieren wir so nicht ungewollt stereotypische Bilder und Zuschreibungen, z. B von den armen kleinen Kindern in Afrika, die unsere Hilfe brauchen? Und oft fragten und fragen somit auch wir uns immer wieder, wie sinnvoll unser Einsatz vor Ort in Arusha ist.

Wie den meisten NGOs war und ist es auch unser Ziel etwas zu verändern, indem wir vor allem in Bildungsprozesse investieren, ohne dabei genau zu wissen, wie viele Früchte es tragen wird. Es wird darauf nie eine eindeutig richtige Antwort geben. Aber zum jetzigen Zeitpunkt sehen wir sehr viele Vorteile in unserer Arbeit. Und auch unsere Projektpartner vor Ort sind stolz, was wir gemeinsam in den letzten drei Jahren auf die Beine stellen konnten. Hierbei ist zu betonen, dass die beiden Projekte nicht von uns (als weiße GeldgeberInnen) gegründet wurden, sondern diese von Einheimischen selbst gegründet wurden und wir sie lediglich dabei unterstützen ihre Visionen zu verwirklichen. Wichtig für uns ist, dass wir ein Team aus tansanischen und deutschen Ehrenamtlichen sind, bei denen jeder das gleiche Mitspracherecht hat und wir uns durch unterschiedliche Kompetenzen gegenseitig ergänzen und voneinander lernen.

Wichtig ist uns zu betonen, dass ohne die Projektverantwortlichen und das Team in Tansania die Umsetzung der beiden Projekte in Arusha jedoch gar nicht möglich ist. Der Einsatz der Spenden, das Organisieren, tägliche Handeln und Agieren liegt in den Händen unserer Projektpartner in Arusha. Sie kennen sich viel besser mit den

Strukturen, Bedingungen und Situationen vor Ort aus als wir. Und genau diese Expertise schätzen wir sehr.

Klar, das Team in Deutschland leistet wichtige Arbeit zur Akquise von Fördermitteln und legt damit den Grundstein, um die Projekte in Arusha realisieren zu können. Allerdings sehen wir uns auch als eine Brücke zwischen den Kulturen, Menschen und Ländern und leisten somit einen wichtigen Beitrag zum interkulturellen Austausch. So konnten in Deutschland schon einige Projekte der Bildungs- und Informationsarbeit durchgeführt werden, die dem kulturellen Austausch und einer beidseitigen Bewusstseinsbildung dienten. Weiterhin versuchen wir in unsere Öffentlichkeitsarbeit (auf SocialMedia und der Webseite) mit einer bewussten Wortwahl und Darstellung einen defizitären Blick auf unsere Projektpartner in Arusha zu vermeiden. Inwieweit uns dies immer gelingt, ist in Frage zu stellen. Doch wir sind uns der Thematik immer bewusst, hinterfragen und reflektieren unser Auftreten stets und beschäftigen uns mit den historischen Ursachen der gegenwärtigen Machtstrukturen. Aus strukturellen Gründen ist es für uns als deutsches Team wesentlich einfacher, Gelder zu akquirieren als für unser Team in Tansania. Wir sind uns dieser Position bewusst und unterstützen unsere Projektpartner dabei, zukünftig eigenständig agieren zu können. Hilfe zur Selbsthilfe ist für uns langfristig das wichtigste Ziel.

Aktuell entscheiden wir gemeinsam welche Projekte durch die, uns anvertrauten, Spendengelder realisiert werden. Unsere tägliche Zusammenarbeit baut darauf auf, Kompromisse zu finden, demokratische Entscheidungen zu fällen und die jeweils andere Seite anzuhören und zu akzeptieren. So lernen wir auch ein wenig „Pole pole“ (langsam langsam), das nicht immer alles nach deutscher Gründlichkeit und Bürokratie zu funktionieren hat und unserer Projektpartner lernen so zum Beispiel von uns, dass zu einem Schulmanagement auch das Sammeln von Belegen gehört und das Anlegen von Tabellen gehört.

Allerdings müssen wir zusammenfassend anerkennen, dass die gemeinsame Arbeit innerhalb eines von Rassismus geprägten Systems stattfindet. Schon allein deshalb müssen wir uns mit dem Thema befassen und uns zu diesem strukturellen Rassismus positionieren. Nur dann lässt sich Rassismus im Rahmen unserer Zusammenarbeit verringern, vielleicht sogar weitestgehend, vermutlich aber nie vollständig vermeiden. Insgesamt bleibt festzuhalten, dass uns eine gemeinsame Vision, unser Engagement und eine Freundschaft, die in den letzten Jahren gewachsen ist, verbindet. Und genau diese gleichberechtige Partnerschaft wollen beide Seiten in Arusha und in Deutschland nicht mehr missen.